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Weißenbrunn vorm Wald – Samstag, 9.50 Uhr: In Mittelberg heult die Sirene auf. Die Feuerwehr wird alarmiert, weil auf der ICE-Brücke über dem Froschgrundsee ein Hochgeschwindigkeitszug verunglückt ist. 

Das ist ein Übungsszenario, wie es dies bisher noch nie gab. In Tunneln der Eisenbahn-Neubaustrecke zwischen Erfurt und Ebensfeld, die die Bahn AG im Dezember in Betrieb nimmt, haben Hilfsorganisationen schon mehrfach geübt. „Da ist schon ein wenig Routine eingekehrt“, sagt der Coburger Kreisbrandinspektor Stefan Zapf. Seit sieben Jahren arbeitet er am Rettungskonzept für die ICE-Strecke. Aber eine Übung auf der größten Bogenbrücke Europas über dem Froschgrundsee bei Weißenbrunn vorm Wald im Landkreis Coburg, die 798 Meter lang, 65 Meter hoch und 14,30 Meter breit ist, ist auch für ihn und die Einsatzkräfte Neuland. Für die vielen Beobachter der Übung sowieso, die sich am Samstagmorgen am Sportgelände in Mittelberg eingefunden haben und auf den Alarm warten.

Wirklichkeitsnahe Übung

Bei der Einsatzübung auf der Eisenbahnbrücke über dem Froschgrundsee wurde angenommen, dass ein ICE mit dem Fahrzeug eines Bautrupps, das auf dem falschen Gleis stand, zusammengestoßen war. Der Triebwagen fing Feuer, es gab Tote und Verletzte. Für die Übung gab es kein vorgegebenes Szenario. Das heißt: Es wurde, wie bei einem Ernstfall, Alarm ausgelöst. Die Einsatzleiter mussten dann entscheiden, wie ihre Mannschaften vorgehen, welche weiteren Einheiten angefordert werden müssen und wie das Zusammenspiel der Rettungskräfte koordiniert werden muss. Am Samstag befanden sich 100 Personen im Zug. In der Wirklichkeit sind es bis zu 900. An der Übung waren mehrere hundert Einsatzkräfte aus Franken und Thüringen beteiligt.

Als der aufschlägt, fährt auch ein Traktor mit einem Tragkraftspritzenanhänger los. Der junge Mann, der am Lenkrad sitzt, wird belächelt. Mit scheinbar vorsintflutlichem Löschgerät zum Unfall eines hochtechnisierten Zugs auf der modernsten Eisenbahnstrecke Deutschlands ausrücken? Das sei wohl auch ein bisschen Feuerwehrfolklore, wird unter den Beobachtern getuschelt. Später wird sich zeigen, dass sie mit ihrer Einschätzung völlig daneben liegen.

Denn eines der größten Probleme, das sich bei der Übung auftut, ist die Löschwasserversorgung. Der ICE brennt, und es dauert eine Stunde, bis das Löschmittel an der Einsatzstelle zur Verfügung steht. „Das ist zu lange“, wird Landrat Michael Busch später sagen. Ein Thema, das noch mit der Bahn AG besprochen werden muss.

An der ICE-Brücke ist kein Wassersteigrohr installiert, wie man es aus Hochhäusern kennt. Eine Leitung aus Textilschläuchen einfach über die Brüstung legen und nach unten zum See fallen lassen, funktioniert spätestens dann nicht, wenn die Pumpen anfahren. Die Schlauchkupplungen würden unter dem immensen Druck, der sich in der Wassersäule aufbaut, bersten, erläutert Kreisbrandinspektor Zapf. Deshalb muss das Löschwasser über eine mehr als einen Kilometer lange Leitung bei Überwindung von fast 70 Metern Höhenunterschied zum brennenden ICE gefördert werden. Und dafür braucht es Pumpen und Schläuche, wie sie auf dem vom Traktor gezogenen Spritzenanhänger zu finden sind.

Die Übung deckt weitere Mängel auf. Das Funktelefonnetz ist an der Landesgrenze Bayern/Thüringen, die die ICE-Neubaustrecke bei Weißenbrunn vorm Wald überquert, schlecht ausgebaut. Landrat Michael Busch, im Ernstfall oberster Katastrophenschützer im Kreis Coburg, kann sich mit seinem Stab im Landratsamt auf der Lauterer Höhe nur schwer verständigen. Die Gespräche kommen auf Buschs Handy zerhackt an. Dabei ist bei einem komplexen Einsatz, wie er am Samstag geprobt wurde, Kommunikation „das A und O, damit das Zusammenspiel der Rettungskräfte reibungslos klappt“, erläutert Marcel Thein. Er ist Pressesprecher des BRK-Kreisverbands Coburg und berichtet von Problemen im Funkverkehr. „Da haben wir Nachbesserungsbedarf“, betont der Landrat.

Im Verlauf der Übung zeigt sich, dass an der Brücke keine Rollpaletten aufbewahrt werden, um Rettungs- und technisches Gerät schnell zum verunglückten Zug bringen zu können, der hoch über dem Froschgrundsee steht. Die ersten Einsatzkräfte müssen warten, bis mit diesen Paletten ausgestattete Feuerwehren eintreffen. Dabei verlieren sie wertvolle Zeit, um zu den Verletzten vordringen zu können. In den Tunneln der ICE-Strecke sind dagegen Rollpaletten gelagert, die sofort zur Verfügung stehen. Dort sind auch – anders als an den großen, über 500 Meter langen Eisenbahnbrücken – geschotterte Rettungsplätze angelegt. Ihr Fehlen wird an der ICE-Brücke insbesondere dann zum Problem, wenn Schnee liegt oder der Untergrund nach Regenfällen aufgeweicht ist. Die unbefestigten Zufahrtsstraßen machen allen Hilfsorganisationen zu schaffen. BRK-Sprecher Thein betont, eine Erkenntnis der Übung sei, dass in Coburg Rettungswagen mit Allrad-Antrieb fehlen. „Da müssen wir nachdenken.“

Welche schwierige Aufgabe Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, BRK, ASB, Wasserwacht, Psychosozialem Notdienst, Landes- und Bundespolizei mit der Übung gestellt ist, zeigt sich direkt auf der Brücke. Weil der Zugang teilweise nur einen Meter breit ist und nicht befahren werden kann, müssen die Retter die Verletzten mit Muskelkraft an die Brückenköpfe bringen, also tragen. Der Weg dorthin ist ein paar hundert Meter lang. Zuvor müssen diejenigen, die nicht mehr laufen können, mit Tragetüchern aus dem Zug geholt werden. Das bedeutet, sie durch eine enge Tür aus etwa einem Meter Höhe über ein Schotterbett und eine Betonbrüstung auf den schmalen Gang zu heben. Weil der Zug verqualmt ist, geschieht das mit Atemschutzausrüstung. Das zehrt gewaltig an den Kräften mit der Folge, dass die Rettungskräfte in kurzer Folge ausgetauscht werden müssen. Bei einem voll besetzten ICE-Zug mit rund 900 Reisenden stoßen die Hilfsorganisationen da schnell an personelle Grenzen.

Welche Konsequenzen letztlich aus der rund dreistündigen Übung gezogen werden, muss die Analyse des Einsatzes ergeben. Sie wird in den nächsten Wochen erfolgen. Eines aber hat sich gezeigt: Das Zusammenspiel zwischen Hilfsorganisationen, Polizei und Notfallmanagement der Bahn AG hat am Samstag hervorragend geklappt. Sie sind, wie die Kreisbrandinspektoren Stefan Püls und Stefan Zapf in einer improvisierten Pressekonferenz an den „Speicherstuben“ am Froschgrundsee betonen, routiniert, ruhig und koordiniert vorgegangen. Püls war der örtliche Einsatzleiter.

Es zeige sich, dass sich die jahrelange Ausbildung von rund 5000 Einsatzkräften entlang der ICE-Neubaustrecke Erfurt-Ebensfeld bezahlt mache, sagt Marc Stielow vom Thüringer Innenministerium. Auch Landrat Michael Busch ist voll des Lobes. Er habe größten Respekt und Hochachtung vor der Leistung der ehrenamtlichen Retter. Mike Flügel von der Bahn AG ist ebenfalls zufrieden: „Die Arbeit hat, wie ausgebildet, funktioniert.“

Bericht und Bild NP-Coburg 21.10.2017